Priorisierung der pharmazeutischen Lieferkette für ein krisenfestes Gesundheitswesen
Vom „Tickle Me Elmo“ bis hin zum Toilettenpapier – die Nachfrage kann das Angebot auf spektakuläre, schlagzeilenträchtige Weise übersteigen. Aber von derartigen Situationen ging nur selten Lebensgefahr aus – bis vor kurzem.
Dramatische Wetterbedingungen auf der ganzen Welt wirken sich auf die globale Lieferkette aus. Ein Tornado beschädigte kürzlich ein Pharmalagerhaus, in dem 25 % aller sterilen Injektionsmittel für US-Krankenhäuser lagerten.
Obwohl die Herausforderungen in der pharmazeutischen Lieferkette im ganzen Land angegangen werden mussten, hat diese Krise auch wichtige Erkenntnisse darüber geliefert, was die Life Sciences tun können – und sogar tun sollten –, um die Resilienz zu verbessern.
Das Navigieren des geopolitischen Klimas
Das Wetter ist bei Weitem nicht die einzige Herausforderung, die Führungskräfte im Life-Sciences- und Gesundheitssektor unter Druck setzt. Weltweit nehmen die internationalen Spannungen zu, und das geopolitische Klima lastet schwer auf den Führungskräften, die an der 25. Annual Global CEO Survey von PwC teilgenommen haben.
Fast ein Drittel der Befragten gibt an, dass geopolitische Konflikte das Wachstum ihrer Unternehmen bedrohen. Mehr als zwei Drittel nennen dies als ein Faktor für die Unterbrechung der Lieferkette, den man einkalkulieren muss.
Geopolitische Spannungen sind mit mehr Cyberkriminalität verbunden
Die jüngsten Ereignisse zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen geopolitischen Spannungen und einem Anstieg von Cyberstraftaten. Ein Beispiel hierfür sind Mitglieder der prorussischen Gruppe Killnet, deren Distributed-Denial-of-Service-Angriffe (DDoS) sich gegen Gesundheitseinrichtungen in jedem US-Bundesstaat richteten. Wichtig ist, dass Gruppen von Bedrohungsakteuren nicht nur gezielt bestimmte Branchen mit fortschrittlichen Angriffsmethoden ins Visier nehmen, sondern teilweise auch mit anderen Cyberkriminellen zusammenarbeiten, um die Wirkung ihrer Angriffe zu maximieren.
Herausforderungen in der Lieferkette der Life-Sciences-Branche: steigende Kosten
Die Herausforderungen bei der Lieferkette im Bereich Life Sciences können sich auf das finanzielle Wohlergehen von Organisationen und deren Patienten auswirken. Der Konflikt in der Ukraine hat zu ernsthaften Problemen bei den Energie- und Rohstoffkosten geführt, stellt Medicines for Europe fest.
Diese Gruppe (ehemals European Generics Medicines Association) berichtet, dass sich die Gas- und Strompreise nach der russischen Invasion in die Ukraine auf einem Rekordhoch befinden. Hinzu kommt eine Steigerung der Rohstoffpreise zwischen 50 % und 160 % sowie der Transportkosten um bis zu 500 %. Alle diese Faktoren erhöhen wiederum die Kosten und senken das Angebot von „erschwinglichen“ Medikamenten.
Umgang mit Unsicherheiten in der Lieferkette
Regulatorische und praktische Änderungen zur Verbesserung der pharmazeutischen Lieferkette sind bereits im Gange.
Anfang dieses Jahres taten verschiedene Staats- und Regierungschefs auf einer Sitzung des Europäischen Parlaments ihren Unmut über die Arzneimittelknappheit kund. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides nannte als Bedenken eine Reihe von Abhängigkeiten, darunter:
- Probleme bezüglich der Produktionskapazität, die mit dem weltweiten Fachkräftemangel zusammenhängen
- Eine Verringerung des Produktionsvolumens von Medikamenten wie Amoxicillin während der Pandemie
- Mehr Rezepte für derartige Arzneimittel aufgrund der jüngsten Zunahme von COVID-19-Fällen
Die Herstellung von Medikamenten in China – wo sich die Zunahme der COVID-Fälle auf die Produktion ausgewirkt hat – war auch für Länder problematisch, die von Asien als Absatzmarkt abhängig sind.
Umgang mit Unsicherheiten in der Lieferkette durch lokalisierte Beschaffung
Im Juni 2023 wurde in den Vereinigten Staaten der überparteiliche Medical Supply Chain Resilience Act eingebracht. Dieser Gesetzentwurf zielt darauf ab, die Lieferkette für medizinische Güter zu stärken, indem mehr Produktionsstätten im Inland geschaffen werden, anstatt sich auf weit entfernte internationale Importe zu verlassen, die anfälliger für politische Krisen oder Naturkatastrophen sind.
Bemerkenswerterweise ziehen sich US-amerikanische Konzerne wie Johnson & Johnson und Becton, Dickinson and Company zunehmend aus der Produktion in China zurück. Stattdessen arbeiten sie mit näher angesiedelten Lieferanten in Lateinamerika zusammen. Europäische Pharmaunternehmen bewerten diese Taktik ebenfalls und ziehen die Tschechische Republik trotz jüngster Medikamentenengpässe weiterhin als Lieferanten in Betracht, so das Marktforschungsunternehmen BMI.
Unterstützung durch Blockchain
Mit der Einführung der Blockchain-Technologie in die pharmazeutische Lieferkette verfolgte man ursprünglich die Absicht, gefährliche Medikamentenfälschungen zu überwachen. Heute gibt es allerdings noch breiter aufgestellte Anwendungsfälle. Regulierungsbehörden wie Kontrolleinrichtungen für Apotheken können die Häufigkeit gefälschter Medikamente, die in die Lieferkette gelangen, genauer überwachen.
Blockchain bietet mehr Transparenz gegenüber anderen Lieferkettenansätzen. Sie trägt überdies dazu bei, die Zahl der minderwertigen oder veralteten Medikamente auf dem Markt zu reduzieren. Durch die Integration des Unternehmens und der nachgelagerten Lieferkette lassen sich Nachfrageprognosen auch für pharmazeutische Lieferanten verbessern.
Dezentralisierung bietet Schutz
Ein weiterer Vorteil der Blockchain-Technologie besteht darin, dass Prozesse keine Zwischenstellen benötigen. Informationen und Daten werden nicht mehr zentral auf einem Server gebündelt, sondern dezentral auf jedem einzelnen Knoten im Netzwerk. Einzelne Knoten können überall auf der Welt platziert werden. Das bedeutet, dass im Blockchain-Netzwerk keine Probleme auftreten, wenn es in krisengeschüttelten Regionen zu einem Ausfall kommt.
Die Blockchain-Technologie unterstützt US-Unternehmen bei der Einhaltung des Drug Quality and Security Act (DQSA) und von Titel II des DQSA, dem Drug Supply Chain Security Act. Darin sind die Anforderungen an die elektronische Rückverfolgung auf den Verpackungen bestimmter verschreibungspflichtiger Medikamente definiert, die in den USA vertrieben werden.
Schaffung geeigneter Frameworks
Neben klinischen Ergebnissen gibt es zudem wichtige finanzielle Aspekte, die bei der Einführung neuer Technologien berücksichtigt werden müssen. Sich Unsicherheiten in der Lieferkette anzunehmen, muss für Pharmaunternehmen, die wettbewerbsfähig bleiben wollen, Vorrang haben.
Die Entwicklung eines Frameworks für Unsicherheiten in der intelligenten Lieferkette ist von entscheidender Bedeutung – ähnlich wie die etablierten, anerkannten und häufig genutzten Frameworks MITRE ATT&CK oder des US National Institute of Standards and Technology (NIST). Dieses Framework für die Handhabung der Unsicherheiten in der Lieferkette sollte über einen gut durchdachten Plan B und sogar Pläne C und D verfügen, um Maßnahmen zur Vorbereitung und Reaktion auf naturbedingte oder geopolitische Störungen festzulegen.
Eine größere Angriffsfläche macht Zero Trust notwendig
Das Querdenken bei der Bewältigung von Versorgungsengpässen hat die Zusammenarbeit der Life-Sciences-Branche im gesamten Gesundheitsökosystem gestärkt – einschließlich des Aufbaus von Partnerschaften in kritischen Bereichen wie Lieferkette, klinischen Studien sowie Forschung und Entwicklung (F&E). Heute arbeiten viele Unternehmen mit anderen Unternehmen außerhalb ihrer Firewalls zusammen, doch dadurch erweitert sich ihre potenzielle Angriffsfläche.
Vikram Venkateswaran, Partner im Bereich Risk Advisory bei Deloitte Indien, stellt fest, dass in einer aktuellen Deloitte-Umfragezum Zeitpunkt der Studie bereits 70 % der befragten Führungskräfte aus dem Bereich Pharmatechnologie mit der Arbeit an einem Zero-Trust-Netzwerk begonnen hatten, das Netzwerk, Daten und Zugriff kombiniert.
„Angesichts der Zunahme von Angriffen, wie beispielsweise auf die Lieferketten- und Vertriebssektoren, investieren viele Pharmaunternehmen in Risikoanalysen von Drittanbietern sowohl für Technologien als auch für Prozesse, um ihre Ökosysteme zu stärken“, schreibt Venkateswaran.
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